Chris Broilers

Broilers-Keyboarder Christian Kubczak: Des Teufels viele Tasten

Broilers! Die Sage des Binärsystems der musikalisch kreativen Demenz äußert sich hauptsächlich darin, dass Luzifer auf seinem eigens designten Instrument dem Endnutzer ausschließlich die Wahl zwischen weißen und schwarzen Tasten überließ. Die Folgen sollten fatalen Ausmaßes daher kommen: entweder lernst du als junger Besucher der staatlichen Bildungseinrichtung wie alle anderen ein Saitenzupfinstrument spielen oder du bist so mutig und versuchst wirklich, das Klavier in jeglicher Oktave des Manuals aus der Versklavung des Mephistos zu befreien. Chris von den Broilers tut das bis heute verdammt gut und gab uns außerordentlich aufschlussreiche Auskünfte über die Notwendigkeit sozialer Netzwerke, verschneite Konzerthallen in Österreich und die Vertrautheit schöner kleiner Wohnzimmerkonzerte.

Seit 2006 sind der Ruhrpottler, sein Keyboard und das Akkordeon feste Bestandteile der aktuellen Besetzung der Düsseldorfer Oi-Punk-Ska-Rockabilly-Band. Die Instrumente prägen denSound der Band ohne Vergleich – setzt beispielsweise bei Liedern wie „Meine Sache“ zu vorangeschrittener Stunde auf dem Festival die Orgel ein, sorgt das jedes Mal für eine ordentliche Prise Gänsehaut bei Band und Fans. Mehrere Alben, unzählige Konzerte und Open-Air-Gigs später ist die Band erfolgreicher denn je – was vielleicht gerade der Kombination aus kreativen Köpfen, einzigartiger Charaktere und dem besonderen
Stil der Gruppe geschuldet ist.

Wir stecken hier gemeinsam drin…

… dachte sich 2014 auch der Oberhausener und hängte seinen IT-Job in der Industrie an den berühmten rostigen Nagel, um sich voll und ganz auf die Band konzentrieren zu können. Zehn Stunden im Büro, dann noch Proben und väterlichen Pflichten nachkommen – das war am Ende doch ganz einfach zuviel des Guten und forderte handfeste Konsequenzen. Die Entscheidung erwies sich als goldrichtig, schließlich kann nicht jeder behaupten, sein Feierabendbierchen mit dem verdienen zu können, was man wirklich liebt: Musik machen.

Vor ein paar Jahren…

… sah die Welt noch ganz anders aus: der kleine Chris entdeckt auf dem Dachboden ein Akkordeon, macht sich das Beherrschen dieses zum Auftrag und meutert bewusst gegen das damals allgegenwärtige
Lernen von Gitarre und Bass, indem er sich ganz und gar freiwillig dem Klavierunterricht fügt. Die Idee war, einfach etwas anderes zu tun, als es üblich war – hat im Nachhinein betrachtet ja auch ziemlich gut funktioniert, schließlich gibt’s nicht nur auf einer Les Paul Akkorde zu greifen.

Nur nach vorne gehen…

… oder fahren. Unser verehrter HerrKeyboarder ist nämlich in seiner Freizeit gern einspurig zweirädrig unterwegs – wenn ihm der eng geschnittene Zeitplan einen freien Slot dafür übrig lassen sollte. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was uns demnächst weiterhin musikalisch erwarten dürfte – ob bei der Planung der weiteren Zukunft der Gehörnte seine Finger im Spiel hat, bleibt dabei übrigens ganz und gar ein wohlbehütetes Oberhausener Geheimnis.

Chris, du trittst zwar nicht im Vordergrund der Broilers auf – wärst du dennoch manchmal gerne insgeheim ein Frontmann?
Ehrlich gesagt nicht, nein. Ich fühl mich da hinten schon recht wohl, in meinem „Kabuff“. Bei manchen Songs kann ich ja zudem trotzdem auf der Bühne nach vorne kommen – immer dann, wenn das Akkordeon zum Einsatz kommt, da lauf‘ ich ja dann durchaus auch mal vorne auf der Bühne rum. Aber im Prinzip fühl ich mich im Hintergrund schon ganz wohl.

Ok, Frontmann scheidet also quasi aus. Was bist du denn sonst für ein Typ? Was zeichnet Chris aus?
Musikalisch gesehen – und sollte ich mich mit einem „typischen“ Frontmann vergleichen, der dieser Partytyp ist und immer nach vorne prescht – so einer bin ich nun wie gesagt gar nicht. Selbst wenn ein Klavier in der Nähe ist, setz ich mich da in der Regel nicht einfach ran, um die Massen zu erheitern – es
sei denn, es ist Alkohol im Spiel. (lacht) Nein, ich spiele mich nicht gerne in den Mittelpunkt. Aber ich bin recht verlässlich und mach‘ mein Ding in meiner Band-„Rolle “. Wir unterstützen uns alle schon sehr gut –
das Zusammenspiel klappt einfach. Beispielsweise wenn Sammy doch mal den Text vergisst und die anderen prompt einsteigen.

Trotz intensiver Recherche lässt sich nicht wirklich herausfinden, wie du zu den Broilers gekommen bist. Die anderen Mitglieder waren ja auf derselben Schule.
Ja, Sammy und Andi haben die Band gegründet, Ines und Ron stießen später hinzu. Ich spielte bei „The Porters“ früher Akkordeon – zusammen mit Vier Promille und den Broilers teilten wir uns den Proberaum. Beim Album „Lofi“ bestand von Seiten der Broilers Bedarf nach einem Keyboarder für Liveauftritte – Sammy fragte mich, ich hatte Lust und habe die Band zunächst aushilfsweise bei Auftritten supportet,
2006 stieg ich fest ein. Menschlich hat das echt super gepasst, es war eine unglaublich gute Zeit, die enorm viel Spaß gemacht hat – deswegen gab es damals für mich nicht viel zu überlegen.

Hast du jemals über ein musikalisches Sololeben neben den Broilers nachgedacht, um Ideen zu verwirklichen, die dir mal in den Sinn gekommen sind?
Früher mit 12 oder 13 Jahren habe ich mal kleine eigene Sachen gestartet – das waren diese typischen
Schüler-/Coverbands. Große Ambition, eigene Stücke zu schreiben, hatte ich jedoch bislang nicht so wirklich – auch wenn ab und zu mal ein Song entsteht, ist das meist eher Spaß als wirklich ernst gemeint. Frontmann Sammy ist da eher der kreative Kopf – da wären wir wieder bei der klaren Rollenverteilung, die typische Bands ja in der Regel haben: Sänger, Gitarrist, Bassist… Schau dir doch die Hosen an, die verkörpern auch das klassische Bild. Außer die Ärzte vielleicht, das sind ja dann doch eher drei Frontmänner, bei dieser Zusammenstellung von Charakteren.

Apropos Ärzte. Gibt es jemanden, mit dem du gerne mal zusammen arbeiten würdest?
Puh… Was realistisch Umsetzbares steht nicht wirklich auf meinem Zettel. Wir hatten ja schon die Ehre, mit den Hosen zu spielen – das hat super viel Spaß gemacht und man konnte wirklich jede Menge lernen. Aber mit den Ärzten würd ich vielleicht doch gern noch mal spielen.

Du bist fürsorglicher Familienvater und hast bis vor kurzem in der Industrie gearbeitet. Wie bekommt man das zwischen Keyboard spielen, Alben aufnehmen und Touren alles auf den Schirm?
Gar nicht. Ende 2014 habe ich festgestellt, dass Musik und Hauptjob nicht mehr auf dem Level funktionieren, auf dem ich das bis dato betrieben habe und ich musste mich zwangsläufig einfach
entscheiden – das fiel letztendlich zugunsten der Band aus. Die letzten beiden Jahre war Freizeit an sich
kaum möglich oder gar vorhanden. Da sprichst du auf einmal von zehn Bürostunden am Tag, abends zur Probe, dann kommen die Konzerte dazu und Zeit für die Familie gab es kaum, Urlaub schon mal gar nicht. Das war eine wirklich harte Zeit und irgendwann war der Punkt erreicht, an dem das einfach nicht
mehr so ging.

Als Papa bist du dann sicher auch für die musikalische Früherziehung bei euch daheim zuständig?
Ich bemühe mich stetig – aber ganz gefruchtet hat das noch nicht, zumindest was das Instrument lernen angeht. Wenn er jetzt in die Schule kommt, denk ich schon, dass auf jeden Fall etwas in Richtung Instrument erkunden geht. Bis dahin habe ich zumindest ein Auge darauf, was das Musik hören angeht (lacht).

Wenn man die Broilers beim großen blauen sozialen Netzwerk verfolgt, konnte man neulich neidisch Fotos von Wohnzimmerkonzerten von euch betrachten. Die konnte man für einen guten Zweck ersteigern, erzähl doch mal.
Ja, das war eine recht coole Aktion für „Lichtblicke“ e. V., bei der von vielen Künstlern diese Konzerte zu Hause versteigert wurden. Eine Gruppe aus Bonn erhielt den Zuschlag und wir spielten einen genialen kleinen Gig in wirklich gemütlicher Atmosphäre – am Ende wurde die Summe der Versteigerung dann gespendet, wir haben natürlich auch noch was drauf gelegt. War übrigens nicht das erste Mal: wir hatten schon mal so ein Wohnzimmerkonzert in Annaberg-Buchholz gespielt – das war das Resultat eines Preisausschreibens im Rahmen unserer Santa-Muerte Veröffentlichung. Das war ziemlich witzig, da baten wir die Fans, uns kreative Briefe zu schreiben – die gezogene Gewinnerin musste uns jedoch aufgrund ihres sich ankündigenden Nachwuchses leider erst einmal vertrösten. Daher kam unser erstes Wohnzimmerkonzert überhaupt auch erst im letzten Jahr zur Verwirklichung. Aber sowas machen
wir natürlich gern ein zweites Mal, da es nicht nur für die Fans, sondern auch für uns ein großartiges Erlebnis ist und enorm viel Spaß macht. Besonders, mit den improvisierten und nicht planbaren Dingen umzugehen – ohne Bühne, ohne großartige Technik, ohne planbaren Ablauf, was ja alles bei den großen Sachen vorhanden ist. Und das eben da, wo 50 Leute auf kleinstem Raum zukommen.

„So kleine Wohnzimmerkonzerte sind schon was Feines – auch wenn dich die Gewinnerin hochschwanger vertrösten muss und sich der Gig erst einmal verschiebt.“

Apropos großes blaues soziales Netzwerk. Wie wichtig ist dir ein regelmäßiger Kontakt zu der Fanbase über Postings? Du änderst ja auch ab und zu mal deinen Status.
Nunja, ich komme ja aus dem IT-Bereich und bin da wirklich sehr affin, was solche Dinge angeht. Besonders dadurch, dass beispielsweise Facebook mittlerweile von fast jedem genutzt wird – durch alle Altersschichten hinweg – beschränkt sich das ja auch nicht mehr nur auf die „reine junge“ Zielgruppe. Natürlich ist sowas dann eine enorm einfache Art für Bands, sich einem breiten Publikum zu präsentieren, sogar noch einfacher als sich eine Homepage ins Netz zu stellen, die man ja eh erst mal finden muss. Ebenfalls denke ich, dass Bands unserer Generation, die mit diesen sozialen Medien aufgewachsen sind, ein ganz anderes Verhältnis zum Fankontakt haben. Ältere Bands haben sicherlich nicht diesen direkten Draht zu den Fans, weil wir ja ganz anders damit umgehen, wir haben da ja nicht so die Berührungsängste. Schön ist auch immer, ein direktes Feedback zu bekommen oder auch geben zu können – auch wenn die Kommentare natürlich nicht immer schön sind (lacht).

Ihr habt mit den Broilers schon unzählige Gigs gespielt. Gibt’s ein besonderes Erlebnis, dass dir in den letzten Jahren für dich wirklich unvergesslich war?
Geil ist immer, wenn wie im letzten Jahr mal die komplette Technik ausfällt – aber wir so unglaublich wunderbare Fans haben, die improvisieren und einfach anfangen, unsere Lieder zu singen. Da bleibt
uns dann nur über, von der Bühne aus zu dirigieren und zu warten, bis alles wieder funktioniert. Oder du spielst in Österreich, es schneit unglaubliche Mengen und die Halle ist leer, weil keiner zur Location durchkommt. An diesem Tag hatte ich übrigens Geburtstag und wir haben prompt eine Couch auf die Bühne gehievt, uns die wenigen anwesenden Fans nacheinander auf die Bühne geholt und zusammen gespielt. Und diese Extreme, wie das erste Mal bei Rock am Ring zu spielen oder aber auch die Wohnzimmerkonzerte, die ganzen besonderen Momente, das bleibt einem alles natürlich im Kopf.

Und was magst du persönlich lieber? Das kleine Konzert oder die staubige Festival-Atmosphäre?
Das ist es ja, es ist beides super. Und ich könnte wirklich nicht sagen, das eine gegen das Andere tauschen zu wollen – es ist sehr schade, wenn man aus irgendwelchen Gründen eins von beiden aufgeben müsste, beides hat ja seinen Reiz und die Abwechslung macht’s eben.

Wenn du als erfahrener Musiker Nachwuchsmusikern einen Tipp geben würdest, was wäre das? Ist ein Vorankommen ausschließlich durch Ehrgeiz und Glück geprägt?
Das ist jetzt kein Geheimtipp, aber eine für mich elementar wichtige Sache: ich glaube, das Schlimmste, was man machen kann, ist eine Band zu starten, um erfolgreich zu werden. Jeder, der beginnt, in einer Band zu spielen und Musik zu machen, sollte das wegen der Sache tun. Auch die Broilers haben als kleine Band angefangen – dann ist der erste kleine Kneipengig erst einmal das Tollste, was einem passieren kann. Die ersten Jahre ist es natürlich erst einmal so, dass du „draufzahlst“ – du investierst echt jede Menge Zeit, Geld und Nerven. Meist bleibt das auch so: man hat seinen festen Job und macht die Musik hauptsächlich als Hobby nebenher – aber solange man das liebt und mag, kommt der Rest von ganz alleine. Ist natürlich auch kein Patentrezept, um erfolgreich zu werden – das hat doch auch ein wenig
mit Glück zu tun (das wir Gott sei Dank auch hatten). Hauptsache, das Gesamtkonzept wirkt nicht krampfig und man versteift sich nicht so sehr, erzwingen kann man ja auch nichts.

Vielen Dank für deine Zeit, Christian!

Mehr von den Broilers gefällig?

Dann schau doch unbedingt einmal bei den Broilers auf Instagram vorbei. Und hier gibt’s auch den Auftritt von Rock am Ring 2022:

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